SATT STATT STARK

SATT STATT STARK Sozialkritik & Dekadenztexte

Sozial- und gesellschaftskritische Essays, eine zeitkritische Auseinandersetzung mit dem Appell an Reaktivierung von Herz und Verstand. I ...

Freitag, 3. Juni 2016

BLUMEN



„People“ Gesellschaft & Leute
Fragen an Petra, Thema „Blumen“ - Fragen an Petra M. Jansen von dem ARTE-/BR-Journalisten Pierre Mathias auf der Rubrik "People"(veröffentlicht beim früheren Kwalae-Verlag, München)

Drücken Blumen Vergangenheit aus?

Blumen sind der Inbegriff des Lebens, des Wachstums, der Vergänglichkeit. Ihr Samen entfaltet sich - bei guten Bedingungen - zur vollen Schönheit einer Pflanze. Sie vermehrt sich, keimt, bildet Ableger, streut ihre „Kinder“ und eines Tages stirbt die Mutterpflanze. Sie sind also Symbol des Lebens, Pierre - auf eine andere Art als der Mensch oder das Tier.


Sind geschnittene Blumen nicht die Vorboten des Todes?

Geschnittenen Blumen nahm man das Leben. Sie wurden gekappt um in einer unserer Vasen kurzweilig weiter existieren zu dürfen. Ein egoistischer Beweggrund des Menschen, dem der  Wunsch nach einem schönen Strauß oder Bouquet so wichtig ist, dass er entweder Massenware in Gewächshäusern vorantreibt oder sie am Wegesrand pflückt und aus seinem Beet entfernt.
In dem Moment, in dem die Schere angesetzt wird, ist der Tod der Begleiter der Blume, Pierre.


Steckt nicht viel Melancholie dahinter, wenn Blumen als Liebesgruß geschenkt werden?

Es gibt den Slogan „lasst Blumen sprechen“. Würden die allerdings auch nur ein Wort über die Lippen bringen, würden sie uns fragen, warum man ihnen das Herz zerrissen hat um unseres zu füllen. Die Blume ist Symbol der Liebe geworden und eigentlich sollte es der ehrliche Blick in die Augen sein, das Verständnis, der Kuss, die Liebe. Scheint aber einfacher zu sein, eine Blume zu überreichen...


Was empfindest du, wenn du einen verwelkter Blumenstrauß  in den Mülleimer schmeißt?

Ich hatte schon den Gedanken, dass ich auch eines Tages auch einmal so verwelkt weggeschmissen werden könnte, Pierre und so unsinnig ist der gar nicht. Ein komisches Gefühl habe ich. Diese Blumen waren einzig und alleine da, um mich mit ihrem Anblick zu erfreuen. An sie als Lebewesen denkt man nicht wirklich und genau aus diesem Grund gibt es bei mir zu Hause keine Schnittblumen mehr.


In einem Garten drücken Blumen Freude aus; ist das auch der Fall in einer Vase?

Die Blumen und Pflanzen in unserem Garten sind so gepflanzt, dass sie die bestmöglichen Bedingungen vorfinden und sich entfalten können. Viele unserer Pflanzen hat mein Sohn mühsam aus Fruchtkernen oder Ablegern gezüchtet, teilweise über Jahre hinweg. Er betreibt seit einiger Zeit Permakultur nach seinem Vorbild Sepp Holzer, der als „Agrar-Rebell“ weltweit tätig ist.  Wir erfreuen uns an einem bunten Durcheinander von Moos, Wildblumen, Mohn und vielen Pflanzen, die wir aus unseren zahlreichen Aufenthalten aus Spanien (mit Erlaubnis) mitgebracht haben und mitbringen. Im Winter allerdings räume ich ein ganzes Zimmer für unsere Pflanzen, das ist schon Luxus.


Blumen begleiten uns durch das ganze Leben, bis zur Kiste! Ist das nicht eine satte Leistung?

In der Tat! Die Hochzeit ist blumengeschmückt, bei der Geburt des Kindes gibt es einen Blumenstrauß und am Ende unseres Daseins werfen wir Blumen auf den Sarg. Es ist, wie ich schon sagte, Symbol des Lebens und - wenn man nun positiv denkt -eine Wertschätzung an die Natur, von der wir nur der kleinste Teil sind.


Blumen müssen für vieles den Kopf halten, ist das für sie zumutbar? Sind sie nicht viel ehrlicher?

Sie sind so verdammt ehrlich und reagieren auf jede Fehlbehandlung mit Streik bis zur Selbstaufgabe. Das würde ich uns Menschen in dieser Konsequenz auch wünschen, aber wir sind verblendet und abgelenkt. Die Natur und die Blumen kann man nicht verarschen, sie zahlen es uns heim, indem sie sterben und uns zeigen, dass unser Weg der falsche war.


Auch wir werden alt, nicht nur die Blumen! Sind wir gleich zu stellen?

In gewisser Weise schon, da sie für mich Symbol des Lebens, des Wachstums, der Vergänglichkeit und des Todes sind. Blumen sind die filigraneren Lebewesen, sie leben mit der Sonne und dem Mond, mit der Natur im Einklang. Genau das behauptet ja auch Sepp Holzer und wenn man sich damit beschäftigt, wie er mit Pflanzen, Bäumen, Gewächsen umgeht, kann man eigentlich nicht nur staunen sondern sich vor den Kopf hauen, weil es eigentlich so naheliegend und natürlich ist.


 Werden die Blumen nicht degradiert, wenn sie nur den Konventionen dienen?

Doch, das werden sie. Wie so oft, ist es eine kommerzielle Sache. Nehmen wir als Beispiel das Unternehmen Fleurop Interflora, das mit ca. 58.000 Partnerfloristen jährlich über 25 Millionen Blumenaufträge abwickelt. Das ist gigantisch, Pierre. Die Blume ist eine Ware, strotzt vor Pflanzenschutzmittelrückständen und ist hochgezüchtet. Es gibt sogar eine Blumenmode und die Floristen stellen immer wieder neue Trends auf, entdecken neue Farben und Sorten.


Was empfindest du, wenn du einen Blumenstrauß geschenkt bekommst?

Nicht alle Menschen denken wie ich und deshalb freue ich mich über diese nette Geste, aber ich werde auch darum bitten, mir in Zukunft entweder eine Topfpflanze zu schenken oder eine Pflanze, die ich ins Freiland setzen kann oder aber eine leckere Schokolade vorziehen.


© Petra M. Jansen

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